Billigreisen in die Türkei – ein aberwitziges Geschäft
-
|
Mehr
„Unfassbar! Nur noch wenige Restplätze! Buchen Sie schnell!“ So bewarb die Post AG im Sommer in ganzseitigen Zeitungsinseraten Billigreisen in die Türkei. Helena Fröhlich, Redakteurin des ORF-Konsumentenmagazins "konkret" und Eva Schreiber, Konsumentenschützerin der AK Burgenland wollten wissen, was dahinter steckt. Sie verbrachten Mitte November eine Woche in der Türkei. Hier ist ihre Geschichte.
Am Mittwoch, den 11. November, landen wir am späten Nachmittag nach knapp 3stündigem Flug in Antalya. Ein Mitarbeiter der Agentur „Polente“ bringt uns zu einem Kleinbus. Wir sind die einzigen Fahrgäste. Nach einer 45minütigen Fahrt meint der Begleiter beim Aussteigen nur kurz: „Freitag um 12:10 Uhr warten Sie bitte vor dem Hotel, Herr Jetin holt Sie ab!“ Wo wir eigentlich sind, erfahren wir erst, als wir bei der Rezeption nachfragen. Das Hotel Arkadia steht jedenfalls nicht auf der Liste jener Unterkünfte, die im Schreiben des Reiseveranstalters so überschwänglich gepriesen wurden. 169 Euro haben wir für Flug und Unterkunft bezahlt, weitere 129 Euro für Essen und Eintritte.
Am Morgen des ersten „Urlaubstags“ regnet es, den ganzen Tag bleibt es bewölkt und kühl. Mit Fleecepulli und Windjacke gewappnet drehen wir die ersten Kurzvideos. Ein Strandwächter posiert vor Helenas Kamera, froh über die willkommene Abwechslung. Der Strand ist fast menschenleer, nur wenige Spaziergänger stemmen sich mit verschränkten Armen gegen den Wind. Der Wellness-Bereich ist an diesem Tag gut besucht. Auch wir beschließen, uns hier aufzuwärmen. Eine andere Art von „Aufwärmen“ erleben wir am nächsten Tag – mittags werden wir mit 20 anderen Reiseteilnehmern aus einem anderen Hotel mit dem Bus auf „Erkundungstour“ geschickt. Zu sehen gibt es eine alte Brücke und ein Viadukt, jeweils umringt von unzähligen Marktständen, an denen lautstark die Ware angepriesen wird. Nach 20 Minuten „Hallo hallo! Billig, billig!“ sind wir einigermaßen genervt. Dabei sollte das nur ein Vorgeschmack auf die Erlebnisse der nächsten Tage sein. Kurze Erholung bietet das Mittagessen im ersten Stock eines Souvenirladens. Jene Gäste, in deren Ausflugspaket das Essen nicht inbegriffen ist, warten in der unwirtlichen Gegend eine Stunde vor dem Lokal, ehe wir wieder aufbrechen. Doch niemand beschwert sich. Es ist sonnig und man will sich die Urlaubsstimmung nicht verderben lassen.
Am Samstag checken wir aus und brechen Richtung Pamukkale, zu den berühmten Sinter-Terrassen, auf. Nach mehrstündiger Fahrt halten wir bei einer „Goldmanufaktur“. In einem dreiminütigen Vortrag wird uns versichert, man könne alles ansehen und sich beraten lassen, niemand müsse etwas kaufen. Auch die Skeptiker entspannen sich. Doch kaum betreten wir den riesigen Verkaufsraum, sind wir flugs von mehreren Verkäufern umringt. Helena und ich versuchen zusammen zu bleiben. Doch keine 2 Minuten später wird jede von uns in einer der zahlreichen Nischen, die während des Verhandelns vor neugierigen Zuhörern schützen, von einem Mitarbeiter persönlich betreut. Da werden Komplimente gemacht, Schmuckstücke vorgelegt, Ringe angesteckt und Halskettchen umgehängt. Das alles könne nur so günstig angeboten werden, weil die Arbeit in der Türkei so billig sei, heißt es. Das Interesse schwindet, als die Preise genannt werden. 665 Euro soll die zarte Kette in Weißgold mit dem kleinen Saphir auf dem Anhänger zunächst kosten, dann werden 18% Mehrwertsteuer abgezogen, dann 7%, weil wir auf einer Bus-Rundreise sind. Und schließlich gibt es noch einen Rabatt, weil ich 3 Wochen später Geburtstag habe. Als ich immer noch keine Anstalten zeige, in das Geschäft einzuwilligen, macht der Verkäufer ein letztes Angebot – 390 Euro. Mir ist auch das zuviel. Ich gebe vor, noch andere Schmuckstücke ansehen zu wollen und versuche, mich der unangenehmen Situation zu entziehen. Ich betrete wieder den großen Verkaufsraum – keine Spur von Helena. Und auch von den anderen ist niemand mehr zu sehen. Als ich nach meinen Reisegefährten frage, wird mir versichert, es sei alles in Ordnung, ich könne mir soviel Zeit lassen, wie ich wolle. Als ich den großen, mit unzähligen Vitrinen bestückten, Raum durchquere, sehe ich, dass in den angeschlossenen kleinen Verkaufsräumen noch etliche Kunden „bearbeitet“ werden. Ich bestehe darauf, zum Ausgang gebracht zu werden. Der Verkäufer verabschiedet mich schließlich an der Treppe. Draußen tauschen die anderen Reiseteilnehmer gerade ihre Erlebnisse aus. Manche fühlten sich vehement unter Druck gesetzt. Auch Helena hatte Mühe, den Raum wieder zu verlassen. Ihr Betreuer hatte eine „Managerin“ zur Unterstützung geholt. Als Helena auch auf deren Angebote nicht einstieg, verließ die Dame wütend den Raum. Dem Druck der Verkäufer konnte sich niemand ganz entziehen. Wir atmen durch und fahren weiter Richtung Pamukkale.
Die berühmten Sinterterrassen präsentieren sich schließlich im schönsten Abendlicht. Wir genießen den Anblick, spazieren mit nackten Füßen über die weiße Pracht und blödeln über die Erlebnisse des Vormittags. Im nahen Hotel „Tripolis“ entspannen wir uns im Thermal-Becken. Dann stellen wir den Wecker auf 6 Uhr und schlafen nach dem anstrengenden Tag wie tot. Um halb 8 Uhr früh brechen wir erneut auf. Es hat 5°C. Zwei Stopps sind auf der Fahrt nach Antalya eingeplant, der Besuch einer Teppichmanufaktur und eines Leder-Verkaufstempels stehen auf dem Programm. Nach einer Stunde Fahrt werden wir in die Kunst des Färbens und Knüpfens eingeweiht. Dann beginnt bei türkischem Kaffee und Raki, dem süßen Anisschnaps, die Präsentation der Teppiche. Wir sind beeindruckt. Muster, Farben – die Stücke sind wunderschön. Langsam nehmen immer mehr Mitarbeiter der Firma im Raum Platz. Als wir schließlich aufstehen, steht erneut neben jedem Gast ein Begleiter, der persönlich die „Beratung“ übernimmt. Wie in der Schmuckmanufaktur ist Filmen streng verboten. Die Kamera, die Helena in der Hand hält, bewirkt offenbar, dass sich der Verkäufer merklich zurückhält. Während andere Reiseteilnehmer später erzählen, dass wortreich versucht wurde, sie zum Kauf eines Teppiches zu bewegen, bleibt unser Begleiter relativ gelassen. Nach einer Rauchpause auf einem kleinen Balkon begleitet er uns zum Ausgang. Weiter geht es.
Stunden später halten wir erneut. Müde klettern wir aus dem Bus. Schnurstracks geht’s in einen dunkel ausgekleideten Saal, wir nehmen entlang eines Laufstegs Platz und begutachten die Ledermodelle, die von jungen Männern und Frauen präsentiert werden. Höflicher Applaus, Licht an und wieder stehen wir in einem riesigen Verkaufsraum. Diesmal schaffen Helena und ich es, zusammen zu bleiben. Ich probiere eine hübsche Lederjacke, sie passt ausgezeichnet.
1.300 Lira, rd. 650 Euro soll sie kosten. Doch das ist nur der Beginn eines langen Verkaufs¬gespräches. Die Atmosphäre ist zunächst freundlich. Die Einladung, türkischen Kaffee zu trinken, nehmen wir gerne an. Doch plötzlich registriert der Verkäufer das Blinken eines Lämpchens an Helenas Kamera. Er lehnt sich nach vor und zischt: „Warum nehmen Sie das auf?“ Nach einer Schrecksekunde reagiert Helena cool. Sie nehme nichts auf, die Kamera sei nur eingeschaltet, er könne sie gern selbst in die Hand nehmen. Der Verkäufer verzichtet. Er steht auf und verlässt den Raum. Wenig später kommt unser Betreuer mit einem „Manager“ zurück. Er erwähnt die Kamera nicht weiter und nimmt das Verkaufsgespräch wieder auf. Doch wir einigen uns auch diesmal nicht. Schließlich bringt uns der Verkäufer zum Ausgang. Im Bus lassen wir uns erschöpft in die Sitze fallen. Am Abend erfahren wir, dass ein älteres Ehepaar aus Deutschland für 2 Lederjacken 1.300 Euro bezahlt hat…
Der letzte Tag der Reise ist „zur freien Verfügung“. Wir genießen die Sonne, drehen am späten Nachmittag die letzten Szenen und ziehen unsere persönliche Reisebilanz: Genossen haben wir den Aufenthalt in Pamukkale, die netten Gespräche mit unseren Reisegefährten und die Sonne. Kaum auszuhalten waren die langen Busfahrten, quälend die Verkaufsgespräche. Erholung gleich Null. Billig-Reise in die Türkei? Nein danke!
Wer profitiert?
Die Post bringt allen was! - In ganzseitigen Zeitungsinseraten bewarb die Post AG im Sommer die Billigreisen in die Türkei. Dadurch wurde der Eindruck erweckt, ein renommiertes Unternehmen stehe hinter dem Reiseangebot. Ein Trugschluss, wie sich zeigt, denn gebucht wird schließlich bei hierzulande weitgehend unbekannten Reiseveranstaltern. Warum Unternehmen wie die Post, Verlage, Autofahrer- oder Buchclubs ihre Kunden mit derartigen Angeboten „beglücken“, bleibt rätselhaft. Die Angebote sind nur auf den ersten Blick attraktiv. Wer stundenlang im Bus hockt und sich in den „Manufakturen“, die meist reine Verkaufshallen sind, bearbeiten lässt, hegt für den Übermittler des Reiseangebots wenig freundliche Gedanken. Auch die Strategie der Tourismus-Verantwortlichen in der Türkei wirkt letztlich kontraproduktiv. Wer eine der eigenartigen „Rundreisen“ in der Türkei genossen hat, wird kaum seinen kostbaren Urlaub in der Türkei buchen. Gelungene Promotion sieht anders aus. Den Reisenden kann man nur raten: Auch wenn Ihnen Ihr Berater noch soviel Zeit widmet und schier sagenhaft günstige Preise anbietet: Ein gutes Geschäft machen vor allem die Händler. Sie selbst haben keine Möglichkeit, Qualität und Preise zu vergleichen. Wer fühlt, dass er unter Druck gerät, sollte sich vor allem eines vorsagen: „ICH BIN NICHT VERPFLICHTET ZU KAUFEN!“
Ein ausgeklügeltes System
In der Türkei versucht man, die Tourismus-Saison zu verlängern. Mit Billigangeboten werden vor allem Konsumenten aus Deutschland und Österreich in der kälteren Jahreshälfte in die Sonne gelockt. 99 bis 199 Euro zahlt man für Flug und Aufenthalt, dazu kommt ein Ausflugspaket um 129 bis 179 Euro. Wie kann sich das rechnen? Die Preise im Hotel zeigen: Alles was nicht im Preis inbegriffen ist, ist teuer, sehr teuer. Die günstige Reise „erkauft“ man sich zudem buchstäblich in den Schmuck-, Teppich- und Ledergeschäften. Entziehen kann man sich den Verkaufstouren kaum. Wer die Billigreise bucht, sitzt auch im Bus. Die „Rundreise“ ist so organisiert, dass man nicht ohne hohe Kosten im Hotel bleiben kann. Im Hotel Arkadia etwa kostet das Doppelzimmer pro Nacht 440 Dollar. Da bleibt niemand im Hotel. Den Verkaufsveranstaltungen kann man nur entgehen, indem man stundenlang vor den Verkaufsräumen wartet. Der Bus wird währenddessen versperrt. Sogar der freie Tag am Ende der Reise ist Teil des Systems – man entspannt sich, genießt die Sonne und sieht alles in einem freundlicheren Licht. Zumindest bis man die nächste Kreditkarten-Abrechnung erhält.
Rücktrittsrecht
Wenn man im Zuge einer Türkei-Reise vom Veranstalter in eine Verkaufsstätte für Teppiche, Schmuck oder Lederwaren gebracht wird und dort einen Vertrag abschließt, hat man auch nach türkischem Recht ein einwöchiges Rücktrittsrecht. Senden Sie das entsprechende Schreiben eingeschrieben an Ihren Vertragspartner und heben Sie eine Kopie des Schreibens sowie die Bestätigung der Post auf. Die Frist beginnt erst zu laufen, wenn man vom Vertragspartner ein Vertragsformular mit den entsprechenden Informationen erhalten hat.
Wird Konsumenten das Rücktrittsrecht verweigert, ist es sinnvoll, mit dem Veranstalter Kontakt aufzunehmen und um Unterstützung zu ersuchen. In der Regel haben die Reiseveranstalter Interesse daran, die Probleme auszuräumen.
Kann das Rücktrittsrecht auch so nicht durchgesetzt werden, wenden Sie sich an die Arbeiterkammer (für AK-Mitglieder) oder den Verein für Konsumenteninformation (01 58877-0).
-
|
Mehr

